Vortrag „ Life Calendar of a Jewish Boy“ von Tswi Josef Herschel am 16. Januar 2018 an der RWTH Aachen


Herr Herschel bei seinem Vortrag im Audimax der RWTH-Aachen
Herr Herschel hielt am 16. Januar 2018 an der RWTH Aachen den Vortrag „ Life Calendar of a Jewish Boy“. Durch Vermittlung unserer Referendarin Hannah Klee konnte der Religionskurs der Q1 zusammen mit Frau Klee und Frau Oswald den bewegenden Lebenserinnerungen des Holocaustüberlebenden Herrn Tswi Herschel zuhören.

Im Dezember 1942 in einer jüdischen Familie im niederländischen Zwolle am Ijsselmeer geboren , begann für ihn kurz nach seiner
Geburt die Flucht vor den Nationalsozialisten, die die Niederlande ab 1940 besetzten.

Seine Geschichte erzählt Herr Herschel entlang der Aufzeichnungen seines Vaters, der für deinen Sohn in 24 Bildern eine positive Le-
bensvision entwarf, als er sah, dass es unter den Nationalsozialisten keine Zukunftsperspektiven mehr für die jüdische Bevölkerung
gab. Diese Vision des Vaters erstreckte sich von der Geburt des Sohnes bis in die 1960 Jahre. So erzählte Herr Herschel immer zuerst
die Vision des Vaters für seinen Sohn und stellte sie dann seinem tatsächlichen Lebensverlauf gegenüber, etwa, wenn der Vater vom Wiedersehen in Israel träumte, was aber nicht mehr möglich war.

Im April 1943 mussten seine Eltern mit ihrem Kind Tswi in das Amsterdamer Ghetto umziehen. Dies war zwar ein sog. Offenes
Ghetto, wo die jüdischen Bewohner tagsüber ein und ausgehen konnten, wo aber dennoch jeder wusste, dass es von dort nur noch
den Transport in die Vernichtungslager gab mit Zwischenaufenthalt in dem Durchgangslager Westerbork.

Diesen Weg gingen im Juli 1943 Tswi Eltern und wurden in den Gaskammern von Sobibor ermordet.

Hier kann man sich das bewegende Video von Tswi Josef Herschel anschauen:

"Whose child are you ?" - the story of Tswi Herschel

Um ihren kleinen Sohn vor dem Tod zu bewahren, vertrauten sie ihn der nichtjüdischen Familie Schwencke an, die ihn aus dem Ghetto herausschmuggelte.

Sie versteckten ihn bei der Familie de Jongh, wo er unter dem Namen Henkie de Jongh bis 1945 blieb und sich als leibliches Kind dieser Familie fühlte, denn an seine leiblichen Eltern hatte er keine Erinnerung.

Im Mai 1945 erlebte er ein weiteres Trauma, als seine zurückgekehrte jüdische Großmutter ihn aus der Familie de Jongh herausholte,
mit ihm nach Rotterdam zog und ihm den Kontakt zu dieser „seiner“ Familie verbot. Aufgewachsen inder christlichen Familie de
Jongh, musste er nun die jüdische Religion annehmen, die neu und ungewohnt war, ebenso auf Hebräisch beten und koscher essen.

Im Hause der Großmutter entdeckte er im Alter von acht Jahren seinen Geburtsnamen Tsewi und das er ein Waisenkind war. Als er in
der Schule wegen seines jüdischen Glaubens beschimpft und ausgegrenzt wurde, erwachte in ihm seine jüdische Identität. Später
wurde er Mitglied der zionistischen Jugendbewegung und wanderte nach Israel aus.

Heute wohnt er mit seiner Familie in Israel. Seine Kinder und Enkelkinder sprechen neben anderen Sprachen auch fließend nieder-
ländisch.

Im März 2015 wurden in Zwolle vor dem Haus, in dem seine Eltern wohnten, in Memoriam Stolpersteine verlegt, was ihn sehr berührte, ebenso wir der Besuch zusammen mit anderen „versteckten Kindern“ (so nennt Herr Herschel alle mit dem gleichen Schicksal)in der Gedenkstätte Sobibor, wo seine Eltern ermordet wurden.

Herr Herschel schloss seinen Vortrag mit dem Appell an die heutige junge Generation, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, damit solche grausamen Zeiten sich nicht wiederholen und der Friede dauerhaft gesichert werde. Er sehe es als seine Aufgabe an seine Geschichte zu erzählen, „damit nachfolgende Generationen in Frieden und Gelassenheit weiterleben können.“