Erlebnispädagogik - Exkursion zur Burg Vogelsang

Eine Gruppe junger Menschen hält eine Leiter fest, die in die Luft führt. Ein Jugendlicher klettert sie bis ans Ende hoch und an der anderen Seite wieder herunter. „Die Mutprobe“ funktioniert nur auf der Basis von Vertrauen. Sie stärkt die Zusammengehörigkeit innerhalb der Gruppe, der einzelne kann sich auf seine Kameraden verlassen, die Leiter fällt nicht um. Alle können gestärkt aus dieser Erfahrung herausgehen, wenn es gut läuft.

Der Pädagogik Leistungskurs der Europaschule Langerwehe führt diese Übung im Rahmen eines Projekttages auf dem Gelände der NS-Ordensburg Vogelsang durch. Eine erlebnispädagogische Übung auf einer NS-Ordensburg – warum das?

Nur Mut!
Die eingangs erwähnte Übung und andere pädagogische Elemente waren in der NS- Zeit ein wichtiger Bestandteil der Verführung Jugendlicher, etwa in der HJ, aber auch in der Ausbildung des Kadernachwuchses. Auf der NS- Ordensburg Vogelsang wurden unter anderem so genannte „Junker“, also ein Teil der späteren Verwaltungselite des NS- Apparates, ausgebildet.

Wie kann es aber sein, dass pädagogische Elemente, die an und für sich positiv scheinen und heute genau solche Gruppenerfah-
rungen sowie die Stärkung der Persönlichkeit ermöglichen, sich
in das genaue Gegenteil – die Zerstörung des Menschen als Indi-
viduum – verkehren lassen?

Eine wichtige Erkenntnis an diesem Tag: Zu welchem Zweck und mit welcher Zielsetzung erzogen wird, hängt wesentlich von den Rahmenbedingungen einer Gesellschaft ab. Wünscht man heut-
zutage das Individuum zu stärken, Selbstbewusstsein und Selbst-
bestimmung behutsam heranzubilden, so ging es in der NS- Zeit darum, Individualität zu vernichten, den eigenen Willen zu bre-
chen. Der Mensch sollte als gleichgeschaltetes Wesen in der „Volksmasse“ aufgehen. Schon die Architektur der Burg spiegelt das Menschenbild wider: Strenge Hierarchien, der einzelne als kleines, verlorenes Wesen gegenüber dem mächtigen NS- Staat – die inszenierte Burg als Machtdemonstration.
Und – eine weitere Erkenntnis: „Vogelsang ist definitiv ein Täterort“, so der Leiter des Projekttages, Thomas Willems. Hier wurden Menschen dazu abgerichtet hart zu sein, eigene Gefühle zu unterdrücken und diese Härte gegenüber anderen Menschen auszuleben. Man kann anhand von Lebensläufen verfolgen, dass auch Vogelsang- Absolventen in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten in Osteuropa, den Massenmord an Juden organisierten und durchführten.

Im Rahmen ihres Studientages machten die 13 Schülerinnen und Schüler des Pädagogik-Kurses an diesem Tag allerdings eine positive Erfahrung mit den erlebnispädagogischen Elementen im Hinblick auf die eigene Gruppe. Sie harmonierte, jeder konnte der Gruppe mehr vertrauen als er das ursprünglich dachte. Ein wichtiger Unterschied zu der NS-Pädagogik war allerdings: Niemand wurde zu einer Übung gezwungen; jeder konnte „Nein“ sagen. Sich dieses „Nein“ zuzutrauen, darin besteht heute eine mögliche Stärke des Individuums; das ist ein ganz anderer Mut als derjenige, der auf die Unterwerfung unter eine höhere Instanz folgt.

Hoch hinaus !
http://www.vogelsang-ip.de/
Text: Markus Guthausen; Photos: Manfed Hilgers